In Estland: Letzter Auftritt und Rückblick auf Lettland
Heute war mein letzter Auftritt ("fast", aber dazu später). Bin ich
erleichtert oder traurig? (Aber ich spiel ja noch einmal :-) ).
Gestern bin ich in Tallin aus Tartu angekommen, also jetzt in Estland. In
der Altstadt von Tallin, die unbedingt sehenswert ist, sitze ich in einer
Kneipe mit Internet, hinter mir dudelt der Einheits-Pop, der übliche
Breitbildfernseher hinter mir, ist am Rand mit Holz verkleidet, der TFT vor
mir hat einen Messingrand, urig, wohl Tallinn-like. Ich schaue aus dem
Fenster auf eine Altstadtgasse, die Tallinner Jugendlichen flanieren, die
Tastatur hat ä,ö und ü ... ich kann mir Zeit nehmen, Tagebuch zu schreiben.
Die Mädels an der Theke drehen das Gedudel lauter. Mal schauen, wie lange
ich durchhalte.
Heute hatte ich einen sehr schönen und gelungenen Auftritt hier in Tallinn
in einem Kindergarten vor ungefähr 25 Kindern. Ich erzählte (sehr langsam!
keine Deutschkenntnisse) die Gespenstergeschichte und Anne Lind vom Goethe
Institut hier übersetzte sehr einfühlsam und temperamentvoll. Sehr
aufmerksame Kinder und viel Lachen.
Das hat sich als positiv bei den letzten Aufführungen herauskristalisiert:
Übersetzen als "Insel-Hopping" von Sprachverstehen zu Sprachverstehen. Immer
mal wieder ein Wort oder einen Satz übersetzen, damit die Sprachebene der
Geschichte erhalten bleibt. Dies jedenfalls, wenn die Deutschkenntnisse
gering sind. oder gar nicht vorhanden wie im Kindergarten heute.
Im Gymnasium heute mittag dann wieder Handy-Kids, Kinder nach vier oder fünf
Stunden Unterricht. Schwierig, aber dennoch kein schlechter Auftritt.
Gestern in Tartu im Saal des Deutschen Kultur Instituts zwei sehr gelungene
Auftritte vor sehr gemischtem Publikum: Woran liegt es, wenn Auftritte
richtig gut sind? Ich habe es immer noch nicht wirklich herausgefunden.
Waren meine Vorstellungen vom RFZ (Regionales Fortbildungszentrum), von
Katri und Mai-Liis gut vorbereitet? Ich spielte in einer sehr liebevoll
gestalteten Atmosphäre mit Kerzen im Saal. Waren es die Zuschauer, die
einfach Lust hatten, meinen Geschichten zuzuschauen und zuzuhören? War es
die Kindergärtnerin, die sehr aufmerksam ihren Kindern übersetzte? Hatte ICH
einen guten Tag?
Jedenfalls waren es für mich die zwei besten Aufführungen der Tournee.
Auf dem Weg nach Tallinn dann der Grund für die "fast" letzte Aufführung
heute: ich nahm zwei Tramper und einen Dackel mit ... und das will etwas
heissen für meinen Toyota, der mich, Bühne, Bühnenbild, alle Schauspieler,
Requisiten und alles was man so braucht für eine Tournee (also auch iBook,
Kamera und anderen Technik-Krams) transportiert. Aber irgendwie passten alle
hinein. Die Frau (Mitte zwanzig?), die mit ihrem Freund, der mir sehr viel
über die politische Situation in Estland erzählen konnte, entpuppte sich als
estnische Märchenerzählerin, die auf dem Weg zu einer Art Workshop in einer
alternativen Schule, auf einem alten ehemals deutschen Gut, mitten in der
estnischen Pampas, im Wald auf halben Wege zwischen Tartu und Tallin war. Da
konnte ich nicht anders, als dorthin mitzufahren. Ich nahm an dem Workshop
(Schauspiel-Übungen mit einem Teil der Kinder dort) teil und vereinbarte für
kommenden Montag vier Uhr einen Auftritt mit meinem BLT ... . Dann stellte
sich auch noch heraus, dass Mai-Liis aus Tartu, in der "Hauptschule" dieser
Alternativ-Schule in Tallin unterrichtet. Nach einem Telefonat heute, das
Ergebnis: Montag mittag spiele ich hier in Tallinn noch einmal.
Ich liebe diese Überrraschungen des Lebens!
Meinen Tournee-Tiefpunkt hatte ich in Lettland, in Daugavpils. Vielleicht,
weil es für mich einfach an der Zeit war, die Eindrücke der letzten Zeit zu
verdauen und ich dazu keine Gelegenheit hatte, sei es, dass die Sterne
schlecht standen, sei es, dass die Situation in Daugavpils mit 90%
russischer Bevölkerung schwierig ist ... . Die Auftritte waren kein Flop,
aber ich tat mich schwer, die Spannung zu halten.
In Jekabpils und Salas (auch lettische Provinz) war die Spannung dann wieder
da.
Auftritt am GI in Riga hat Spass gemacht, auch die Auftritte in Lijepaja
(wird wahrscheinlich anders geschrieben) waren o.k.
Ohhh, Hahhh! Jetzt brüllt "Karaoke-Live" hier in der Kneipe, in der ich im
"Internet" sitze ... .
Werde für heute Schluss machen .......